• Olav Bouman

Steckbrief für den hervorragenden Fundraiser



Steckbrief für den hervorragenden Fundraiser

Talent ist für mich die wichtigste Voraussetzung, die gute von hervorragenden Fundraiserinnen und Fundraisern unterscheidet. Zwar glaube auch ich, dass wir alle eine ähnliche Grundausstattung haben, wenn wir auf die Welt kommen, aber es gibt auch noch die Genetik, genauer gesagt die Epigenetik und die Erkenntnis, dass Erlebtes, Gelerntes und Talente über Generationen hinweg weitervererbt werden. Das schließt nicht aus, dass sich jeder ein Talent bis zu einem gewissen Grad antrainieren kann. Es ist nur nicht die Regel.

Auf welche Gaben spiele ich an dieser Stelle an? Die erste nennen manche EQ, manche Einfühlungsvermögen und andere soziale Kompetenz. Damit ist nicht nur Mitgefühl gemeint, eine für sich noble Eigenschaft. Doch dabei fällt mir immer das Bonmot „Gut gemeint ist das Gegenteil von gut gemacht!“ ein. Mitgefühl ohne die rationale Fähigkeit, die realen Umstände und die möglichen Lösungsansätze praktisch zu denken und umzusetzen, macht keine hervorragenden Fundraiserinnen und Fundraiser aus.

Um Außergewöhnliches zu erreichen, muss man von Zeit zu Zeit ausgetretene Wege verlassen, ohne das Gute aus der Vergangenheit auf den Müllhaufen der Fundraisinggeschichte zu werfen. Dabei hilft die Fähigkeit, Praktikables, das aber auf den ersten Blick undurchführbar erscheint, zu erkennen und „against all odds“ durchzuziehen. Janice Kaplan beschreibt in ihrem Buch „How luck happens“, wie ein offener Geist und der Flow des entspannten Wahrnehmens zu Gelegenheiten führen, diese wiederum zu Möglichkeiten und Möglichkeiten zu Erfolg. Besser könnte ich es nicht beschreiben. Für mich ebenso wichtig ist der Mut. Hervorragende Fundraiserinnen und Fundraiser sind immer mutig – nicht tollkühn. Sie schätzen ein Risiko ab und entscheiden, ob es sich lohnt, es einzugehen. Dabei neigen sie ein wenig mehr zum Risiko als zur Sicherheit. Wer immer Angst um seinen Job und kein Grundvertrauen in die phantastischen Möglichkeiten des Lebens hat, kann nichts wirklich Großes reißen.

Zu guter Letzt kommt für mich der stetige Zweifel, die Sinnfrage dazu. In meiner Beraterpraxis hörte ich oft: „Wir wollen in den nächsten Jahren um X Prozent wachsen.“ Auf die lapidare Frage nach dem Warum lautete die Antwort in den seltensten Fällen „um mehr erreichen zu können“, sondern: „Das ist unsere strategische Zielsetzung“. Oft werden Wachstumspläne nur wegen des Wachstums an sich aufgestellt. Für mich ist das inzwischen nicht mehr stichhaltig. Wenn die Organisation nicht in der Lage ist, die Einnahmen in absehbarer Zeit sinnvoll in Projekte zu investieren, wird es wahrhaftig absurd. Das strategische Ziel sollte immer so konkret wie möglich sein und beispielsweise lauten: „Weil wir Obdachlosigkeit in unserem Land eliminieren wollen“ oder „Weil wir den Hunger in dieser Welt ausrotten möchten“ – nicht nur so als abstraktes Ziel, sondern festgemacht in einer ernsthaften Strategie mit ausgearbeiteten Programmen. Ohne ein solches Ziel ist für mich jedes Programm sinnlos und nur bedingt würdig, das Geld von Spenderinnen und Spendern zu erhalten. Ist das Ziel für den Impact, den die Organisation erreichen kann, zu groß, sollte sie sich ein kleineres oder ein Teilziel stecken oder sich mit anderen zusammentun. Hervorragende Fundraiserinnen und Fundraiser werden auf Dauer ein inneres Problem haben, ihr Talent in eine Sache ohne konkretes Ziel zu investieren.

Freilich ist das alles meine eigene Sichtweise und ich habe kein Sendungsbewusstsein, dass andere meine Vorstellung übernehmen sollen. Aber man kann ja mal darüber nachdenken.



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