• Olav Bouman

Selbsterfüllende Prophezeiungen


Nun ist es also wieder so weit. Was wir alle befürchtet haben, ist schließlich eingetroffen. Der russische Bär ist erwacht und hat zugeschlagen. Nun wird es schnell Schuldzuweisungen geben und man wird versuchen, aus dem Blick in den historischen Rückspiegel Handlungsoptionen abzuleiten. Dem möchte ich mich in keiner Weise anschließen. Nur so viel: ich persönlich glaube, dass wir in den vergangenen 30 Jahren eine absolut naive Politik gegenüber Russland betrieben haben.

Mein Thema heute ist aber ein gänzlich anderes. Ich glaube, dass viele unserer Kollegen wieder in die Gefahr laufen, in die Falle der selbsterfüllenden Prophezeiung zu geraten, die bei jeder Krise, wie Phoenix aus der Asche steigt.

2022 bin ich seit 30 Jahren im Social Marketing unterwegs und habe in dieser Zeit Dutzende Krisen mitgemacht: Nie, never, certainement pas hatte eine dieser Krisen einen direkten negativen Einfluss auf die Spendeneinnahmen gemeinnütziger Organisationen im Bereich der Klein- und Mittelspender.

Mehr noch; mein Lehrmeister überblickte einen Zeitraum, der bis in die 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts reichte und auch er hatte niemals einen Spendeneinbruch mit direktem Bezug zu einer Krise erlebt. Wer allerdings übermäßig auf Großspender, Drittmittel und Unternehmenskooperationen oder Canvassing gesetzt hat, könnte nun wieder das Nachsehen haben.

Es scheint ein Naturgesetz zu geben, dass bestimmt, dass Krisen sich nicht direkt auf die Spendenbereitschaft der „kleinen“ Leute auswirken.

Dennoch haben viele Organisationen in der Vergangenheit während Krisen, hohe Spendenverluste bei den privaten Spendern hinnehmen müssen. Abgesehen von den Fällen in denen die Ausnahme die Regel bestätigt, waren das fast immer die Organisationen, die sich in selbsterfüllender Prophezeiung, Sparmaßnahmen beim Fundraising auferlegten.

In Krisenzeiten aus Angst vor schlechten Ergebnissen, die Fundraisingausgaben zu kürzen, ist nicht weniger als der sprichwörtliche Schuss ins eigene Knie.

Krisen gehorchen in unserem Arbeitsfeld nicht den Gesetzen der Logik! Und eigentlich ist das wiederum logisch, denn jeder ordentliche Fundraiser weiß, dass der Weg zum Spendenerfolg über einfache, schnell wirkende, emotionale Botschaften ins limbische System und von da aus über das „gute Herz“ direkt in den Geldbeutel oder das Konto der Spender führt. Mit Logik hat das in den seltensten Fällen zu tun.

Als Fundraiser muss man sehr schnell lernen, dass man es manchmal mit scheinbaren Paradoxen zu tun hat. Wer erfolgreich Spenden generieren möchte, sollte schnellstens aufhören, solchen Paradoxen mit Logik beikommen zu wollen. Es soll ja auch tatsächlich noch Fundraiser geben, die nicht wissen, dass das Tauschen von Spenderlisten (ich weiß, böse, böse), zu deutlich besseren Spendenergebnissen für beide beteiligten Organisationen führt! Das muss man als Fundraiser nicht gutheißen, aber man sollte es wissen.

Meist sind es jedoch nicht die Fundraiser, die Sparmaßnahmen bei den Spendenaktivitäten fordern, sondern die ach so rationalen, aber von den Fundraisinggesetzen ungeküssten Finanzer und Geschäftsführer oder Gremien. Dem muss man als Fundraiser gleich zu Beginn massiv entgegentreten! Oder eben mit Spendeneinbrüchen leben.

Das gebräuchlichste Argument der Krisenpaniker auf wohlinformierte Einwände ist üblicherweise die Einmaligkeit der jetzigen Krise. Quasi die Krise aller Krisen, die die bisherigen Gesetzmäßigkeiten wie ein Blatt im Wind hinwegfegt.

Aber, liebe Freunde, seid gewiss, für Krisenpaniker ist jede Krise die größte Krise aller Zeiten. Bleibt standhaft und fordert Zusatzbudget fürs Fundraising! Dann werdet Ihr nach dem Sturm als geniale Kenner der Materie hervorgehen.

Diese Sichtweise soll in keiner Weise das Leid eines Krieges kleinreden. Ich bin absoluter Pazifist und es macht mich wütend, dass man das jetzt kommende Leid eigentlich hätte verhindern können, wenn in den letzten 30 Jahren wirklich fähige Menschen agiert hätten. Aber als Fundraiser müssen wir immer zwischen unserer Betroffenheit bzw. ethischen Bedenken und unserer Aufgabe, den Treibstoff für die gute Tat nicht versiegen zu lassen, abwägen. Nur dann können wir unsere Aufgabe gewissenhaft und erfolgreich erledigen. Und damit zum Nutzen der Menschen, der Tiere und der Umwelt!


Hoffen und beten wir gemeinsam für Frieden


Euer Blaufuchs


Olav Bouman

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