Nie wieder Ehrenamt?

Kolumne FundStücke 4/2021

Kolumne – Nie wieder Ehrenamt?

Nach mehr als fünf Jahrzehnten Ehrenamt, vom Klassensprecher bis zum internationalen board member einer der größten Organisationen der Welt, fällt meine Bilanz zum Thema widersprüchlich aus.

Für den negativen Teil meiner Bilanz sind ganz besondere Vertreter von „Ehrenämtlern“ verantwortlich. Der harmloseste war dabei wohl der „Zeitdieb“. Besonders viel hatte ich mit diesem Typus in meiner Zeit als Elternbeirat zu tun. Das waren die Kolleginnen und Kollegen, die anscheinend heimflüchtig waren und keine Gelegenheit ausließen, die Sitzungen möglichst bis in die Nähe von Mitternacht zu ziehen, mit Vorliebe durch kleinkarierte Diskussionen über Petitessen. Sehr enervierend, aber im Grunde, wie gesagt, harmlos.

Schlimmer waren die Typen, die ihr komplettes Leben der ehrenamtlichen Aufgabe opfern und dabei ihr Privatleben aus den Fugen geraten lassen. Das führt nämlich von Zeit zu Zeit zu menschlichen Dramen. Wer schon einmal Zeuge davon wurde, wie ein gehörnter Ehrenämtler mit einem Revolver im Anschlag nach dem jugendlichen Liebhaber seiner Frau suchte, während man diesen aus der Schussbahn zu bringen versuchte, weiß, wovon ich rede.

Am schlimmsten ist jedoch Typus 3, der kleine Cäsar. Aus welchem Grund auch immer erfreut er oder sie sich an machiavellistischen Intrigen, fein ziseliert und mit großer Energie zur Ausführung gebracht. Ohne Rücksicht auf Verluste treiben solche Barbarinnen und Barbaren andere bis in den Burnout oder Selbstmordversuch. Ich habe auch das persönlich erlebt und es blieb mir nichts anderes übrig, als diese lokale Gruppe zu schließen und die „Opfer“ so gut wie möglich zu versorgen.

Was läuft im Leben solcher Menschen schief, dass sie sich selbst dadurch erhöhen müssen, andere zu erniedrigen und gar deren Tod für das Stillen der eigenen archaischen Gelüste in Kauf nehmen? Und warum tut man sich all diese Widrigkeiten freiwillig an?

Vor einigen Jahren erhielt ich die silberne Ehrenspange für 25 Jahre ehrenamtliche Mitwirkung in einem Verband. Als mir die silberne Ehrennadel ans Revers geheftet wurde, fiel mein Blick ins Publikum. Da waren sie, die Gesichter der stillen guten Geister, die aus Überzeugung und Ehrgefühl über Jahrzehnte ihren Dienst als Ehrenamtliche geleistet haben. Ohne Allüren, der Sache zutiefst verbunden und ohne dafür etwas zu verlangen. All diese Menschen, die in Deutschland Traditionen wahren, Liedgut erhalten, arme Menschen mit Nahrung versorgen oder Seniorinnen und Senioren im Alltag begleiten. Ja, Ehrenamt zu verwalten und zu leben ist oft mühsam, manchmal sogar fast unerträglich. Aber es ist einfach notwendig für eine funktionierende und humane Gesellschaft. Und letztlich ist es auch unendlich befriedigend.

Da oben auf der Bühne wurde mir all das wieder einmal klar: Wir wären alle arm dran, wenn es diese bescheidenen Menschen nicht geben würde. Und in diesem Moment habe ich auch all die Schaumschläger und Egomanen, die sich gelegentlich aus wenig ehrenwerten Gründen unter die guten Menschen mischen, ins hinterste Eckchen meines Oberstübchens verbannt und sie vergessen.

Herzlichst,

der Blaufuchs – Olav Bouman


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