Die Lust an der Krise

Heute muss ich mich an dieser Stelle leider outen: Ich mag weder Horrorfilme noch Geschichten ohne Happy End. Irgendwie gefällt es mir, wenn alles gut wird. Meine Frau meint, ich sei ein unverbesserlicher Optimist und ich vermute, das soll nicht immer und nicht nur Zuspruch zum Ausdruck bringen.

Es ist mir klar, dass es manchmal nerven kann, wenn man einen Dauerweißseher an seiner Seite hat. Wo bleibt da der Thrill für bekennende Pessimisten, die „orthodox“ an Murphy‘s Law glauben und deren Butterbrot grundsätzlich auf der fetten Seite landet? Gemäß meiner unverbesserlich optimistischen Grundhaltung habe ich mich schon zu Beginn der „Coronakrise“ festgelegt: Diese Krise wird wie alle vorhergehenden Krisen der vergangenen 30 Jahre keine maßgebliche Auswirkung auf die Spendeneinnahmen haben. Davon ausgenommen habe ich gleich zu Anfang Maßnahmen, die auf den persönlichen Kontakt angewiesen sind, also Face-to-Face und möglicherweise Groß- und Unternehmensspenden.

Die Auswirkungen auf Face-to-Face-Maßnahmen waren freilich offensichtlich und die Auswirkungen auf Großspenden und Unternehmensspenden beziehungsweise -kooperationen habe ich selbst erlebt. Deshalb plädiere ich für eine Begrenzung dieser Einnahmearten bei großen Organisationen auf maximal 25 bis 30 Prozent am Gesamtspendenvolumen. Der Grund für meinen Rat ist das „Massaker“, das ich 2008 während der Finanzkrise bei meinen Kolleginnen und Kollegen in den USA erlebt habe. Der US-CEO einer weltbekannten, nicht näher benannten Organisation hatte mich bei einem internationalen Meeting in erfrischend amerikanischer Direktheit als notorischen Vertreter des „F*****g Old-Europe“ bezeichnet, weil ich seinen Befehl hinterfragt habe, die 100 Leute starke Direct-Mail-Abteilung auf eine einzige Person zu reduzieren. Seine Erfolgsformel war ganz einfach: Das „f*****g expensive“ Direct-Mail-Geschäft sollte durch „billig“ akquirierte Großspender, Unternehmen und Stiftungen ersetzt werden. Kaum ein Jahr später hat ihn die 2008er Finanzkrise erwischt, please excuse my French, wie der Blitz beim sch****n. Ihn persönlich hat das nicht so sehr tangiert, aber die rund 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus allen Abteilungen schon, die deshalb ihren Job verloren haben.

Die Stärkung des one-to-many-Fundraisings ist die beste Krisenvorsorge. In den zweieinhalb Jahrzehnten, die ich im Fundraising tätig bin, wurde das Massengeschäft niemals wirklich von einer wie auch immer gearteten Krise erschüttert. Nur wenn im vorauseilenden Gehorsam die Budgets zusammengestrichen wurden, kam es zu Einnahmendellen. Wie meistens, zahlt sich wohlkalkulierter Mut auch in der Krise aus. Offenbar hat sich diese Regel in Deutschland inzwischen herumgesprochen. Trotz entsprechender Diskussionen haben viele Organisationen in der Coronakrise nicht gekniffen und ihr Programm durchgezogen oder die Budgets klug umgeschichtet.

Ehrlich gesagt bin ich auf meine Kollegen und Kolleginnen in Deutschland richtig stolz. In anderen Ländern wurden zum Teil Corona-Horror-Szenarien an die Wand gemalt. Aber wie anfangs schon gesagt, mag ich keine Horrorfilme.


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