• Olav Bouman

Der geplatzte Traum



Mit dem Millennium eskalierte der Großspenden-Hype in den USA. Immer mehr US-NGO hielten es für eine gute Idee, die Direkt-Marketing-Abteilungen einzustampfen und auf Großspenderinnen und -spender zu setzen. Das sei billiger und es kämen dennoch größere Summen. Und je mehr „dicke Fische“ an Land gezogen wurden, umso attraktiver wurde es, den „kleinen“ Spenderinnen und Spendern den Rücken zuzukehren und auf die Bigshots zu setzen ...


Ich erinnere mich an ein Meeting in London, bei dem mein niederländischer Kollege Marc und ich verzweifelt versuchten, unseren amerikanischen Kollegen und Kolleginnen auszureden, die rund 80 Personen zählende Direkt-Marketing-Abteilung auf eine Person zusammenzustreichen, 80 Prozent des DM-Budgets einzusparen und den Rest ins High-Net-Worth-Programm zu stecken. Unsere Worte prallten an einer Wand aus Selbstgefälligkeit ab und wir erhielten die Empfehlung, die Organisation zu verlassen, wir seien „typische Vertreter des alten Europas“.


Nachdem rund 80 Experten entlassen waren, folgte kurz darauf die 2008er-Finanzkrise und die „Bigshots“ stellten ihre Zahlungen ein. Eine Reihe traditionsreicher US-NGO musste die Türen schließen. Unsere amerikanischen Kollegen und Kolleginnen mussten ein weiteres Drittel der Belegschaft entlassen. Später baute man die Direkt-Marketing-Abteilung wieder mühsam auf.

Ich erzähle diese Geschichte nicht, weil ich gegen Großspendenfundraising bin – ganz im Gegenteil. Aber man sollte sich der Risiken bewusst sein. Die Gaben von High-Net-Worths, Stiftungen oder Unternehmen haben mindestens drei gewaltige „Nebenwirkungen“.


1. Sie sind extrem krisenanfällig. Läuft die Wirtschaft schlecht, landen die philanthropischen Engagements schnell auf der Liste der Einsparungen. Im Gegensatz dazu sind die sogenannten „kleinen Spenderinnen und Spender“ krisenresistent.


2. Große Summen kommen mit „Strings“. Man muss überlegen, zu was man bereit ist, und darauf achten, dass man die Eigenständigkeit nicht verliert. Zu glauben, man könne sich „durchwursteln“ bedeutet, die Realität der Welt zu negieren. Ich habe über ein Jahrzehnt lang mit den reichsten Menschen Deutschlands gut und gerne zusammengearbeitet. Eine großartige Zeit. Mir ist dabei niemand begegnet, der eine nennenswerte Summe gegeben hätte, ohne einen gewissen Einfluss auf die Verwendung zu erwarten. Das entspricht einfach nicht der Denkweise und der Lebensrealität sehr erfolgreicher Menschen. Das ist weder negativ noch positiv. Es ist einfach so. Meine Erfahrung ist: Je erfolgreicher und bedeutender die Menschen sind, desto verbindlicher und freundlicher formulieren sie ihre Erwartungen. Es ist jedoch ein fataler Fehler, ihre als freundliche Anregungen verpackten Wünsche zu ignorieren. Diejenigen, die noch nicht so lange erfolgreich oder reich sind, sind meist zackiger und direkter in der Äußerung ihrer Vorstellungen.


3. Sie können abhängig machen. Wird der Anteil zu hoch, ergibt sich eine große Abhängigkeit von relativ wenigen Geldquellen. Man muss als Verantwortlicher genau darauf achten, dass die eigene Organisation nicht in existenzielle Not gerät – selbst beim Wegfall mehrerer großer Geberinnen und Geber. Meine persönliche Formel lautete, niemals über längere Zeit einen Anteil von über 30 Prozent des Gesamtbudgets aus Großspenden, Sponsorings, Stiftungen, Erbschaften und öffentlichen Drittmitteln zu akzeptieren.

Große Spenden aus wenigen Quellen zu beziehen ist für viele in der Leitung von gemeinnützigen Organisationen unerfahrene Manager sehr reizvoll und selbstverständlich gehört das in den Fundraising-Mix. Aber dabei ist höchste Umsicht notwendig – sonst platzt der Traum vom schnellen Geld sehr plötzlich.


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